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Die Anfänge des mittelalterlichen Radolfzell am Bodensee

 

Auf dem Gelände eines ehemaligen Gasthofes und einer Tankstelle am westlichen Rand der Stadt Radolfzell am Bodensee plant die Firma Gnädinger und Mayer den Bau von mehreren Wohn- und Geschäftshäusern inklusive Tiefgarage. Das Untersuchungsgebiet erstreckt sich über eine Fläche von ca. 2.000m² in unmittelbarer Nähe der mittelalterlichen Stadtmauer. Hinweise auf die ehemalige Bebauung liefern historische Quellen, wie z. B. die auf einer Skizze aus dem Jahr 1790 dargestellte Untertoranlage. Das Untertor, das die Straße in Richtung Singen und Stockach sicherte, war das einstige Haupttor der Stadt und ist auf der Skizze mit einer verstärkenden Bastion versehen.

 

Eine Notgrabung auf dem benachbarten Philipp-Neuer-Platz (früh. Gerberplatz) im Jahr 2007 legte nahe, dass sich auf der zu bebauenden Fläche Teile der Stadtbefestigung sowie Spuren von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gewerbebetrieben im Vorfeld der Stadt erhalten haben. Da das Bauvorhaben diese historischen Relikte weitgehend zerstören wird, musste eine Rettungsgrabung durchgeführt werden, die sich  in zwei Abschnitte gliedert: Vom 19.06.2017 bis 27.10.2017 sowie vom 05.03.2018 bis 27.04.2018.

 

 

Reste der cella ratoldi erfasst?

Radolfzell entwickelte sich aus der von Bischof Ratold von Verona um 930 errichteten Siedlung mit Kirche, der cella ratoldi. Trotz umfangreicher Fundstellenbeobachtungen und flächigen Grabungen auf dem Münsterhügel im Bereich der Altstadt fanden sich bisher jedoch keine Spuren dieser Siedlung. Die ältesten Funde und Befunde reichen an die Wende des 12. zum 13. Jh. zurück. Diese Grabungskampagne erbrachte nun erstmals Spuren der frühmittelalterlichen Besiedlung. Direkt im Vorfeld der mittelalterlichen Stadtmauer hat sich ein hochmittelalterlicher Acker- bzw. Gartenboden erhalten, der eine beachtliche Stärke besaß. Unter diesem Pflughorizont wurden eine Reihe von Gruben freigelegt, die durch keramische Funde vorläufig in das 9. bis 11. Jh. datiert und so als Teil der frühen Siedlung Ratolds interpretiert werden.

 

Einige dieser Gruben können als Grubenhäuser angesprochen werden. Hierbei handelt es sich um in den Boden eingetiefte Häuser, welche durch die vom Boden aufsteigende Feuchtigkeit u. a. für die Tuchweberei sehr gut geeignet waren. Eine dieser Gruben weist eine steile Längswand auf, die eine Verwendung sogenannter stehender Webstühle belegen könnte. Ein weiterer Hinweis für eine derartige Interpretation ist der Fund eines Webgewichtfragments aus ungebranntem Ton. Eine andere dieser Gruben weist eine mächtige Holzkohleschicht auf, die als Feuerstelle eines Grubenhauses gedeutet wird. Die Gruben gehörten wahrscheinlich zu einer profanen Handwerker- und Bauernsiedlung vor den Toren des cella-Bezirkes. Sie wurde entweder spätestens um 1100 in das jetzige Stadtzentrum verlagert oder aber schon einige Zeit vorher aufgegeben.

 

 

Die städtische Wehranlage

Hinsichtlich der Entwicklung der Stadtbefestigung konnten besonders im zweiten Grabungsabschnitt vom 05.03.2018 bis 27.04.2018 Befunde gesichert werden. Auch wenn die Stadtmauer südlich des Grabungsareals verlief, ragte der davor gelegene Stadtgraben einige Meter in das Untersuchungsgelände. Außerhalb des Grabens konnte ein mit dem Aushub aufgeschütteter Wall nachgewiesen werden. Das Fundmaterial aus der Verfüllung des Grabens zeigt, dass er vermutlich schon Ende des 12. oder im frühen 13. Jh. ausgehoben sowie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zugeschüttet und verlegt wurde. Um 1500 muss der Graben mit Holz ausgekleidet worden sein, das im 17. Jh. durch eine steinerne Stützmauer ersetzt wurde. Im späten 18. Jh. wurde diese Mauer dann abgebrochen und der Graben nach und nach zugeschüttet. Noch bis in das 19. und frühe 20. Jh. wurde er zur Müllentsorgung genutzt.

Im Gebäude des Gasthofes „Schützen‟ sowie darunter haben sich noch Reste des Untertors erhalten. Auch hier konnten verschiedene Bauphasen dokumentiert werden. Das Untertor dürfte über ein Vortor sowie über eine Barbakane (ein vorgelagertes Verteidigungswerk) verfügt haben. Somit ist eine stattliche Toranlage für Radolfzell, ähnlich dem Schnetztor in Konstanz, nun auch im archäologischen Kontext nachgewiesen.

 

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Hochmittelalterlicher Ackerboden im Profil.

Grubenkomplex in der Fläche.

Grube mit steiler Längswand (rechts).

Reste eines Grubenhauses mit Herdstelle.

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